Warum starke Menschen oft zu spät merken, dass sie leer sind

Als ich im Auto saß und nichts mehr fühlte

Es gibt Momente im Leben, die nach außen ganz klein wirken – und innerlich alles verändern. Als ich im Auto saß und nichts mehr fühlte, ahnte ich noch nicht, dass genau dieser Augenblick mein Leben verändern würde.

Für mich war es ein Parkplatz. Ich kam aus der Kita. Wieder ein Tag voller Verantwortung, wieder funktionieren, wieder Dinge auffangen, die andere liegen gelassen hatten, wieder stark sein und wieder durchhalten.

An diesem Tag hatte ich fast allein alles aufgeräumt. Während andere längst frei hatten, blieb ich mit zwei Praktikantinnen zurück. Müll, Chaos, Müdigkeit. Nicht nur im Raum – auch in mir. Aber das Pflichtbewusstsein war wie immer wieder stärker und alles wurde geregelt. Völlig erschöpft nahm ich meine Tasche, zog die Tür der Kita zu und schloss ab. Ich setzte mich ins Auto, schloss die Tür und dann kam es mit voller Wucht. Ich fühlte nichts mehr.

Keine Wut, keine Tränen, keine Kraft.

Nur Leere.

Wenn man zu lange funktioniert

Viele kennen solche Momente. Man funktioniert so lange, bis innen nichts mehr übrig ist. Man lächelt, hilft, organisiert, hält durch – und merkt oft erst zu spät, dass man selbst längst verloren gegangen ist.

Ich saß dort eine lange Zeit im Auto und starrte vor mich hin. Dann sagte mir mein Körper: „Du brauchst eine Auszeit, so geht es nicht mehr!“

Mein Körper sendete ein klares Signal:

So geht es nicht mehr.

Der Kampf zwischen Kopf und Gefühl

Aber da war der Kopf, der hatte Gedanken, wie „Stell dich nicht so an, andere haben auch harte Tage“ und „Du musst durchhalten, sonst bekommst du kein Geld, wie willst du allein dein Haus bezahlen!“ und „Fahre nach Hause und ruhe dich zwei, drei Tage aus, dann geht´s wieder!“

Vielleicht kennst du diese Gedanken.

Der Körper schreit nach Pause – und der Kopf fordert Leistung.

Am Ende gewann mein Kopf.

Als ich mir selbst nicht mehr glaubte

Ich startete den Motor und fuhr zu meinem Hausarzt. Dem erzählte ich, dass ich eine kleine Magenverstimmung hätte.

Prompt schrieb er mich drei Tage krank.

Ich fühlte mich immer noch leer, ohne Gefühl, aber mit tausenden Gedanken, die in meinem Kopf um die Wette Karussell fuhren.

An Schlaf war nicht zu denken. Wie ein Rollbraten drehte ich mich hin und her und am morgen kamen dann die Gefühle.

Kaum geschlafen fühlte ich mich erschöpft, müde und zu nichts im Stande. Den ganze Tag saß ich da und grübelte.

Dazu kamen Zweifel:

Was ist, wenn ich mir das alles nur einbilde,

wenn ich einfach nur zu schwach bin für diese Arbeit?

Was sollen jetzt die Kollegen denken?“

Ich konnte nichts essen, mein Hund sah nur die Wiese hinterm Haus und mein damaliger Freund merkte gar nichts.

Warum Ehrlichkeit so schwer fällt

Nach vielen Gedanken und Gefühlen beschloss ich am zweiten Tag meiner Krankschreibung noch mal zum Arzt zu gehen und ihm die Wahrheit zu sagen, nämlich dass ich nicht mehr kann.

Es kam mir schwer über die Lippen. Diese Worte auszusprechen war schwer.

Zuzugeben, dass ich einfach nicht mehr kann, dass ich einfach leer bin und dass mich einfach zu viele Dinge belasten.

Denn Menschen, die immer stark waren, empfinden Ehrlichkeit oft als Schwäche.

Dabei beginnt Heilung häufig genau dort.

Der Arzt hatte mich vorsorglich bis auf Weiteres aus dem Verkehr gezogen.

Mein Weg durch Therapie und Reha

Und dann nahm meine Therapiereise ihren Lauf.

Ich begann wieder eine Verhaltenstherapie bei meiner Psychotherapeutin. So richtig gut aufgehoben fühlte ich mich nicht, aber besser wie nichts. Sie überzeugte mich eine Akutbehandlung in einer psychosomatischen Klinik zu beginnen.

Es folgten viele Wochen Therapie in Akut- und Rehakliniken, in denen ich lernen musste mich selbst neu zu verstehen.

Hat es mir geholfen?

Teilweise ja, denn ich habe auf jeden Fall nun jede Menge Werkzeuge, um mein Selbstbild wieder aufzubauen.

Denn das war völlig zerbrochen.

Was nach der Therapie wirklich beginnt

Viele glauben, mit dem Ende einer Therapie sei alles gelöst.

Doch selbst nach einer Therapie beginnt oft erst der eigentliche Weg.

Denn man kommt zurück nach Hause – aber vieles ist noch ungeklärt.

Gehe ich zurück in den alten Beruf?
Kann ich das überhaupt noch?
Wer bin ich ohne Leistung?
Was will ich wirklich?

Diese Fragen tun weh. Aber sie sind auch ehrlich.

Vielleicht bist du nicht schwach

Nicht jeder Zusammenbruch ist das Ende. Als ich im Auto saß und nichts mehr fühlte, wusste ich noch nicht, dass nun ein neuer Abschnitt in meinem Leben beginnen würde.

Manchmal ist er der Moment, in dem die Seele sagt: So nicht mehr.

Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo man dachte, alles verloren zu haben.

Wenn du dich gerade leer fühlst, erschöpft bist oder nicht mehr weißt, wie es weitergeht:

Vielleicht bist du nicht schwach.
Vielleicht bist du einfach nur zu müde zum Kämpfen.

Du bist nicht allein!💛